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Weingarten

Campus Weiße Rose - Denkstätte Widerstand Weingarten | "Russenlager" |
Stolperstein für Joachim Brunner

Campus Weiße Rose - Denkstätte Widerstand Weingarten | "Russenlager" |
Stolperstein für Joachim Brunner

Titelbild: Sophie Scholl aus der Ausstellung "Galerie der Aufrechten" des Studentenwerks Weiße Rose | Foto: Studentenwerk Weiße Rose | Künstler: Nikolaus Mohr



Campus Weiße Rose - Denkstätte Widerstand Weingarten


Denktafel "Campus Weiße Rose Weingarten" des Studentenwerks Weiße Rose e. V.
Denktafel "Campus Weiße Rose Weingarten" des Studentenwerks Weiße Rose e. V.

Der „Campus Weiße Rose“ bzw. die „Denkstätte Widerstand Weingarten“ wird vom Studentenwerk Weiße Rose e. V. verantwortet, welches Träger von zwei Studentenwohnheimen und einer Kindertagesstätte in Weingarten sowie eines Wohnheims in Ravensburg ist. Hervorgegangen aus dem »Studentenwerk der Pädagogischen Hochschulen des Landes Baden-Württemberg e.V.« hat es im Jahre 2009 mit der Aufgabe der Erinnerung an Verfolgung und Widerstand während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft einen weiteren Satzungszweck aufgenommen.


Hans Scholl aus der "Galerie der Aufrechten" des Studentenwerks Weiße Rose | Foto: Studentenwerk Weiße Rose | Künstlerin: Marlis Glaser
Hans Scholl aus der "Galerie der Aufrechten" des Studentenwerks Weiße Rose | Foto: Studentenwerk Weiße Rose | Künstlerin: Marlis Glaser

Gemäß seiner Namensgebung und Präambel sieht sich das Studentenwerk im Geiste des Widerstandes der »Weißen Rose« in der Pflicht, heutiger und künftiger studentischer Jugend aller Nationen menschenwürdige Räume zum Wohnen, Leben und Lernen in Frieden und Gemeinschaft bereitzustellen. In stetiger Erinnerung an das Erbe der studentischen Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl werden Studierende zur gesamtgesellschaftlichen Zivilcourage auf. Die Basis der Erinnerungsarbeit des Studentenwerks ist hierbei der als Denkstätte fungierender Campus »Weiße Rose« auf dem Martinsberg in Weingarten, dessen Bauten nach den Persönlichkeiten der studentischen Widerstandsgruppe benannt und dessen umgebende Wege bedeutenden Akteuren des NS-Widerstands gewidmet sind. Mit der »Galerie der Aufrechten«, die ca. 65 künstlerische Portraits von NS-Widerständlern umfasst und in den vergangenen Jahren im gesamten Bundesgebiet auf hohe Nachfrage stieß, trägt das Studentenwerk Weiße Rose zudem zu einer weit über unseren Campus hinausgehende und lebendige Erinnerungskultur bei Zur weiteren Bildungsarbeit des Vereins gehört das Ausbringen von Vorträgen und Autorenlesungen, die Organisation und Durchführung von Exkursionen und Geschichtswanderungen sowie das Präsentieren von Wanderausstellungen, mit welchem Formaten nicht nur an das Leiden der Opfer von Verfolgung und Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime gedacht, sondern auch gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus eingetreten wird.


Hervorzuheben ist hierbei die enge Zusammenarbeit mit den Dozierenden und Studierenden der Pädagogischen Hochschule Weingarten sowie Lehrenden aller Schularten: In Zusammenarbeit mit Studierenden der Pädagogischen Hochschule Weingarten in den Fächern Geschichte und Musik entstand so beispielsweise im Jahr 2021 eine Text-Bild-Collage zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl, die einen künstlerisch-ästhetischen Zugang zur Erinnerungskultur ermöglichte. Auch anlässlich des 80. Jahrestags der Hinrichtung der Mitglieder der Weißen Rose in München richtete das Studentenwerk Gedenktage in Weingarten aus, zu deren Programmpunkte eine Wanderausstellung zum Widerstand der Weißen Rose in den Räumen der PH, eine Filmvorführung im Kulturzentrum Linse, eine historische Stadtführung zur NS-Geschichte der Hochschulstadt, eine Lesung des Weiße-Rose-Biografen Robert M. Zoske in der Stadtbuchhandlung und die Ausstellung unserer Portraits der »Aufrechten« in den Schaufenstern diverser Einzelhandelsgeschäften und Galerien der Stadt zählten. Anlässlich des neunzigsten Jahrestags der Bücherverbrennung durch nationalsozialistische Studierende am 10. Mai 2023 richtete das Studentenwerk in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Weingarten einen Gedenk- und Aktionstag aus, der mit einer öffentlichen Lesung aus vernichteten Werken im Stadtgarten begann und mit einem interdisziplinären Symposium an der Pädagogischen Hochschule endete. Mit all jenen vorgestellten Aktivitäten, Angeboten und Kooperationen pflegt der „Campus Weiße Rose“ eine lebendige Erinnerungskultur, die zur Reflexion des vergangenen Unrechts unserer Geschichte und damit zur Arbeit an einer lebenswerten Gegenwart und Zukunft auf dem Campus einlädt.



Webseite:

studentenwerk-weisserose.de


Links:

Informationen über die Erinnerungsarbeit des Studentenwerks Weiße Rose e. V.

„Galerie der Aufrechten“ des Studentenwerks Weiße Rose e. V.

Hausbücherei des Studentenwerks Weiße Rose e. V.



Text: Hendrik Schuler



Das "Russenlager" in der Abteistraße 5 

„In jedem Ort gab es bald ausländische  Zivilarbeiter, so auch in Weingarten, Ravensburg und Umgebung ... In  Weingarten lassen sich neben 104 Kriegsgefangenen auch etwa 1135  ausländische Zivilarbeiter, in der Regel Zwangsarbeiter, nachweisen. In  Ettishofen war ein Kriegsgefangenenlager, weitere Kriegsgefangene waren  im Fechtsaal in der Kirchstraße 14 untergebracht. Die Zwangsarbeiter  waren direkt bei ihren Arbeitgebern oder in Sammellagern untergebracht.  Am strengsten behandelt wurden die Russen. Das größte „Russenlager“  Weingartens gehörte zur Maschinenfabrik Weingarten. Es befand sich in  der Abteistraße 5, dem früheren Lehrlingsheim (Anm.: Wirtschaft zum  Gambrinus). Es lassen sich dort etwa 166 Männer und 126 Frauen  nachweisen ... das Durchschnittsalter betrug 1943 etwa 21 Jahre. Oben an  der Abteistraße war eine Mauer, an der Seite dem Nachbargrundstück zu  lediglich ein hoher Zaun. Eine Nachbarin steckte den Russenmädchen hin  und wieder über den Zaun Brot zu, ganz unauffällig, denn jeder Kontakt  war streng verboten. Ein Vorarbeiter aus der Maschinenfabrik Weingarten  berichtet, dass es praktisch unmöglich war, Kontakt zu den  Zwangsarbeitern zu pflegen, weil man laufend total überwacht wurde ...  Das Schicksal der meisten Zwangsarbeiter in Weingarten bleibt unbekannt.  Eine Gruppe von Frauen wurde aus Weingarten nach Konstanz verlegt ...  Die Zwangsarbeiter hatten nichts zu lachen. Es gab vielerlei Strafen ...  Jeden Donnerstag wurden einige Russen nach Ulm verschickt ...


Text: W. Heinz


Zitate aus dem Buch: Heinz, Werner: Altdorf/Weingarten  (1805-1945), Industrialisierung, Arbeitswelt und politische Kultur,  Bergatreute, Verlag Eppe, 1990, S. 318 – 319.


Joachim Brunner (KZ-Opfer aus der Arbeiterschaft), Stolperstein Wilhelmstr. 30 

Joachim Brunner, geb. 1884 in Steinach (Bad  Waldsee), lebte von 1912 bis 1943 in Weingarten, 1929 – 1936 in der  Wilhelmstraße 30, danach in der Bachstraße 1.

Von Beruf Dreher handelte er später ambulant mit Textilien. Mit  seinem Motorrad bereiste er das ganze Oberland, um u.a. Arbeitskleidung  zu verkaufen. Brunner war verheiratet und hatte zwei Töchter.

1919 kandidierte er für die SPD bei den Gemeinderatswahlen. 1937  bekam er eine Passsperre, war damit „politisch vorbestraft“, wurde  allerdings „amnestiert“. Im September 1943 wurde er mit drei anderen  Mitgliedern einer Kartenspielrunde im Cafe Haimayer in der Sägerstraße 1  (inzwischen abgebrochen) verhaftet, vermutlich wegen Kontakts zu  Kommunisten und wegen „Schwarzhörens“ von Feindsendern.

Er kam ins KZ Welzheim, am 26.4.1944 als Häftling Nr. 67 155 ins KZ  Dachau, von dem er am 17.8.1944 ins KZ Mauthausen überführt wurde. Dort  wurde er als Häftling Nr. 89200 – mit 60 Jahren den Strapazen nicht mehr  gewachsen – in das Sanitätslager eingeliefert, eine Einrichtung zur  Auslagerung des Sterbens, in der es kaum noch medizinische Hilfe gab.  Hier starb Joachim Brunner am 12.3.1945 an „Kreislaufschwäche“ und  „allgemeinem Körperverfall“. Möglicherweise ist er aber bei einer der  üblichen Selektionen, mit denen gerade zu Kriegsende Platz für Häftlinge  aus KZs im Osten geschaffen werden sollte, mit einer Herzspritze  getötet worden - wie von einer Schwägerin von J. Brunner auf Grund von  Recherchen nach Kriegsende behauptet wurde.

Simon Schmid und weitere Schüler des Gymnasiums Weingarten gingen mit  ihrem Geschichtslehrer Uwe Hertrampf dem Schicksal von Joachim Brunner  nach. Somit bewirkt die junge Generation Weingartens die späte Ehrung  eines Opfers der NS-Diktatur.


Text: U. Hertrampf


Quellen: Heinz, Werner: Altdorf / Weingarten ( 1805 – 1945), S.  322; Meldekarten aus dem Stadtarchiv Weingarten; 


Häftlingszugangsbücher  KZ Dachau und KZ Mauthausen; Totenbuch KZ Mauthausen; Aussage eines  Neffen von J. Brunner, Karl Ernst Brunner ( geb. 1935 ) über seine  Mutter; Schulzeitung des Gymnasiums Weingarten vom 10.10.2011


Anker 1
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