Ravensburg
Graue Busse | Ermordung von 29 Sinti-Jodokskirche | "Arisierungen" - Stolpersteine | Gefängnis Rotes Haus | Zwangsarbeiterlager | Erzabt Raphael Walzer | ZwangsarbeiterGräber | Erlanger-Gedenken | Zwangssterilisation (Heilig-Geist-Spital)

Graue Busse-Euthanasie-Weißenau, Weingartshofener Straße 2
Im Rahmen der Euthanasie-Aktion T4 wurden aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Weißenau zwischen Mai und Dezember 1940 mindestens 677 Patienten in die Vernichtungsanstalt Grafeneck, auf der Schwäbischen Alb, deportiert; die als „lebensunwert“ eingestuften Opfer wurden in grauen Bussen und für jedermann sichtbar abtransportiert. Im März 1941 erfolgte ein weiterer Transport von 14 Patienten aus Weißenauzur Tötung nach Weinsberg.
Das 2007 errichtete Denkmal für die Opfer der Euthanasie-Morde besteht aus zwei Betonbussen, deren Vorbild die Transportfahrzeugeder Aktion T4 sind. Dem Denkmal ist das Zitat „Wohin bringt Ihr uns?“ eingraviert, die überlieferte Frage eines der Opfer beim Abtransport. Der eine „Graue Bus“ steht seit Januar 2007 dauerhaft in der „alten Pforte“ des Zentrumsfür Psychiatrie die Weissenau. Der zweite, mobil, ist unterwegs: um andernorts an die Verbrechen der Euthanasie-Aktionzu erinnern.
Seit 1996 findet am 27. Januar, dem „Tag des Gedenkens andie Opfer des Nationalsozialismus“, eine von Stadt und dem Zentrum für Psychiatrie die Weissenau gemeinsam veranstaltete Gedenkfeier statt. An jedes einzelne Opfer wird dabei mit einem Glockenschlag erinnert. Text: M. Spohr
Literatur: Andreas Schmauder, Franz Schwarzbauer, Paul-Otto Schmidt- Michel (Hrsg.), Erinnern und Gedenken. Das Mahnmal Weißenau und die Erinnerungskultur in Ravensburg (Historische Stadt Ravensburg, Bd.5), Konstanz 2007.
Ummenwinkel
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Ravensburg für zahlreiche Sinti-Familien zum Ausgangspunkt für ihre gewerbliche Tätigkeit und zum Standort ihrer Wägen. Unter den Ravensburger Sinti waren die Familien Reinhardt und Guttenberger, die als Holzschnitzer, Musiker, Schirmhersteller und Handelsleute arbeiteten, besonders stark vertreten. Die Standorte ihrer Wägen waren beim Bruderhaus, bei den Sandsteinhöhlen an der Berger Straße, am Weißenauer Schuttplatz, in der städtischen Kiesgrube, der Oberzeller Straße, der Kanalstraße, an der Mühlbruck und im Ummenwinkel.

1937 wurden die 117 Ravensburger Sinti von den nationalsozialistischen Machthabern ihrer Wägen und damit ihrer Mobilität beraubt und im eigens errichteten Barackenlager Ummenwinkel zusammengepfercht. In dem eingez äunten Lager wurden sie kontrolliert, schikaniert, diskriminiert, zu Zwangsarbeiten gezwungen und zahlreicher Elemente ihrer Kultur beraubt.
Am 13. März 1943 wurden 35 Ravensburger Sinti, Frauen, Männer und Kinder, in das Konzentrationslager Auschwitz- Birkenau deportiert, 29 der Ravensburger Sinti wurden dort ermordet, sechs Ravensburger Sinti haben die Torturen des Vernichtungslagers überlebt.
Trotz dieser traumatischen Erfahrungen haben die Ravensburger Sinti nach dem Zweiten Weltkrieg im Ummenwinkel eine neue Lebensgrundlage aufgebaut.
Auf Anregung von Dorothea Kiderlen wurde in Zusammenarbeit mit den Ravensburger Sinti, der Stadt Ravensburg und der Pfarrgemeinde St. Jodok im Jahre 1999 ein Mahnmal zur Erinnerung an die in Auschwitz ermordeten Ravensburger Sinti errichtet. Den Namen der 29 Opfern der NS-Gewaltherrschaft ist der Text vorangestellt: Zum Gedenken an die 29 Ravensburger Sinti, die am 13. März 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und in den Jahren 1943 und 1944 ermordet wurden. Sie alle waren Bürgerinnen und Bürger der Stadt Ravensburg und gehörten zur Pfarrgemeinde St. Jodok.
Text: Andreas Schmauder
Zur NS-Opfergruppe der deutschen und europäischen Sinti und Roma:
In unmittelbarer Nähe des Berliner Reichstags erinnert eine würdige Gedenkstätte an den Genocid, den der NS-Rassenwahn an 500000 Roma und Sinti im zeitweiligen europäischen Machtbereich der Nazis zwischen 1941 und 1945 vorgenommen hat, und dem auch die Ravensburger Sinti aus dem Ummenwinkel zum Opfer fielen.
Geschätzt sechs Millionen Romanes sprechende Menschen leben heute in den Staaten der EU ohne eigenen Nationalstaat und als sozialschwache, weithin diskriminierte Minderheit. Die Definition eines „sicheren Herkunftslandes“ geht an ihren Lebensumständen völlig vorbei. Ihre jeweiligen Mehrheitsvölker und deren Staaten sind ihnen gegenüber zunächst im Obligo. Darüber hinaus aber schuldet die europäische Union ihnen Subsidiarität in einem gemeinsamen europäischen Sozialprogramm.
Ermordung von 29 Sinti-Jodokskirche Eisenbahnstraße 25
Von 1939 bis 1945 wurden in Europa über eine Halbemillion Sinti und Roma gefangengenommen, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. 35 dieser 500.000 Menschen stammten aus Ravensburg. Sie wurden am 13. März 1943 aus Ravensburg nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. 29 der deportierten Ravensburger Sinti wurden in den Jahren 1943 und 1944 in dem Vernichtungslager ermordet. Lediglich sechs von ihnen überlebten die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie.
Die Initiative, einen Ort des Gedenkens zu schaffen, ging von Dorothea Kiderlen aus, die in dem Buch „Ravensburg im Dritten Reich“, erste Aufklärungsarbeit zu den Verbrechen des Nationalsozialismus an den Ravensburger Sinti geleistet hatte. Entwurf, Standort und Ausführung des zu gestaltenden Mahnmals wurden im Dialog zwischen der Stadt Ravensburg, Vertretern der Ravensburger Sinti und der Pfarrgemeinde St. Jodok ausgearbeitet. Am 27. Januar 1999 wurde das Mahnmal zum Gedenken an die in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern ermordeten Ravensburger Sinti mit einer Gedenkstunde und einer Lichterprozession über den Marienplatz hin zur Jodokskirche eingeweiht. In das Mahnmal sind die Namen aller 1943 nach Auschwitz-Birkenau Deportierten eingraviert. Seit 1998 finden am 13. März Gedenkveranstaltungen für die 1943/44 ermordeten Ravensburger Sinti statt.
Text: M. Spohr
Literatur: Dorothea Kiderlen, „Duesch halt fescht d‘Zähn‘ zammabeißa ...“ – Verfolgung und Vernichtung der Ravensburger Sinti in: Peter Eitel (Hrsg.), Ravensburg im Dritten Reich. Beiträge zur Geschichte der Stadt, Ravensburg 1997, S. 342–360.
Arisierungen" - Stolpersteine Ravensburg: Marienplatz 17, 31 und Gespinstmarkt 27
Zu Beginn der 1930er Jahre lebten die sieben jüdischen Familien Adler, Erlanger, Harburger, Herrmann, Landauer, Rose und Sondermann in Ravensburg. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurden die Ravensburger Juden diskriminiert, zur Auswanderung gezwungen und in Konzentrationslagern ermordet.
Im Zuge der „Arisierung“ wurden jüdische Unternehmer, unter Druck und Schikane, aus ihren Betrieben gedrängt. (Die vier jüdischen Geschäfte in Ravensburg wurden aufgrund zahlloser Repressionen zwischen 1935 und 1938 von ihren Besitzern aufgegeben.) Viele der Ravensburger Juden konnten vor der nationalsozialistischen Verfolgung noch rechtzeitig ins Ausland fliehen, acht fanden hingegen einen gewaltsamen Tod, drei jüdische Bürger, die in Ravensburg blieben, überlebten aufgrund ihrer „arischen“ Ehepartner.
Um die Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Mitbürger aufrecht zu erhalten, entstand 2005 ein Schülerprojekt, mit dem Ziel, allen jüdischen Opfern des Nationalsozialismus in Ravensburg einen persönlichen Gedenkstein zu setzen. Am 13. September 2006 legte der Kölner Künstler Gunter Demnig für die Familie Landauer am Marienplatz 31, für Elsa Finsterhölzl am Marienplatz 17 sowie für die Familie Rose am Gespinstmarkt 27 die ersten 13 „Stolpersteine“. Das Projekt wurde im Jahre 2007 mit weiteren „Stolpersteinen“ abgeschlossen.
Text: M. Spohr
Literatur: Manfred Hauser, Antisemitismus und Schicksal der Juden in Ravensburg, in: Peter Eitel (Hrsg.), Ravensburg im Dritten Reich. Beiträge zur Geschichte der Stadt, Ravensburg 1997, S.304-332.
Gefängnis Rotes Haus. Herrenstraße 43
Menschen, die in Ravensburg politischen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime leisteten oder den Machthabern „unbequem“ waren, wurden in das städtische Gefängnis, das sogenannte „Rote Haus“ gesperrt. Die inzwischen abgerissene Strafvollzugsanstalt am Schellenberger Turm war daher Symbol des nationalsozialistischen Unrechtstaates. Den größten Widerstand gegen dieses Regime leisteten politisch linke Gruppierungen sowie die Kirchen. Von der Machtergreifung bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind in Ravensburg insgesamt 35 politisch bedingte Verhaftungen nachweisbar. Grundlage für die Verhaftungen waren oftmals Kleinigkeiten, wie die Störung von politischen Rundfunksendungen oder Verweigerung des Hitlergrußes.
Der bekannteste Häftling des „Roten Hauses“ war der an der Liebfrauenkirche wirkende Jesuitenpater Hermann Huber. Nachdem er, während eines privaten Religionsunterrichts im „Klösterle“, im September 1939 Kritik am nationalsozialistischen Deutschland geäußert hatte, wurde er am Tag darauf von der Gestapo verhaftet. Im Dezember 1939 sollte sein Prozess vor einem Stuttgarter Sondergericht stattfinden. Auf dem Weg vom Gefängnis bis zum Bahnhof wurde Huber begeistert zugewunken. Er wurde in Stuttgart zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt. Aufgrund seiner Popularität verwehrte das NS-Regime dem unliebsamen Delinquenten die Rückkehr nach Ravensburg.
Text: M. Spohr
Literatur: Peter Eitel, Formen des Widerstands in der NS-Zeit, in: Peter Eitel (Hrsg.), Ravensburg im Dritten Reich. Beiträge zur Geschichte der Stadt, Ravensburg 1997, S.126-142.
Zwangsarbeiterlager - Ziegelstraße 16
Während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten annähernd 3600 Zwangsarbeiter in Ravensburg. Die Gruppe der Zwangsarbeiter setzte sich aus Kriegsgefangenen und zivilen ausländischen Arbeitern zusammen. Vorreiter bei der Beschäftigung Kriegsgefangener in Ravensburg- Weingarten war die Stadt selbst. Am 18. Juli 1940 fassten Bürgermeister und Gemeinderat den Beschluss, vorerst 50 Kriegsgefangene für nichtlandwirtschaftliche Arbeiten anzufordern. Benötigt wurden diese für Tiefbauarbeiten der Stadt, wie den Straßenbau, den Bau einer Kläranlage und eines Schwemmkanals.
Die Beschäftigung der Zwangsarbeiter machte es notwendig, Unterkünfte für diese zu finden. Das größte Zwangsarbeiterlager wurde in einer ehemaligen Schreinerwerkstatt, in der Ziegelstraße 16, eingerichtet. Hier wurden später 125 französische Kriegsgefangene, die als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, einquartiert. Die Franzosen wurden 1942 auf andere Lager umverteilt. Die westeuropäischen Arbeiter wurden durch 150 russische Kriegsgefangene ersetzt. Das Lager in der Ziegelstraße 16 befand sich in einem äußerst schlechten Zustand. Besonders die katastrophalen sanitären Verhältnisse gaben Anlass zur Klage. Die improvisierte Unterkunft bot zudem kaum Schutz gegen die winterliche Kälte, so dass es vielfach zu Erkrankungen unter den Kriegsgefangenen kam.
Text: M. Spohr
Literatur: Achim Schwarz, Ausländische Arbeiter während des Zweiten Weltkriegs in Ravensburg-Weingarten, in: Peter Eitel (Hrsg.), Ravensburg im Dritten Reich. Beiträge zur Geschichte der Stadt, Ravensburg 1997, S.391-405
Erzabt Raphael Walzer - Gewissenswiderstand, Herrenstraße 38
Erzabt Dr. Raphael Walzer war eine bedeutende Persönlichkeit der katholischen Kirche und des kirchlichen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Raphael Walzer wurde 1888 in Ravensburg geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in dem katholischen Gesellenhaus in der Herrenstraße 38. 1906 trat er als Novize in das Kloster Beuron ein, wo Walzer 1918 im Alter von 30 Jahren zum Erzabt gewählt wurde. Auf seine Initiative ging in der Folge die Neugründung des Klosters Weingarten 1922 und des Klosters Kellenried bei Berg 1924 zurück. Seit 1933 bezog er öffentlich Stellung gegen den Nationalsozialismus, insbesondere dessen Kirchenpolitik. Aus diesem Grunde musste er emigrieren und wurde 1937 zum Rücktritt als Erzabt gezwungen. Dies hinderte ihn nicht daran, aus dem Exil weiterhin in Radioansprachen deutlich Stellung gegen die nationalsozialistische Politik zu beziehen. 1940 floh Walzer, nach Aufenthalten in der Schweiz und Frankreich, nach Algerien, wo er als Geistlicher in der französischen Armee tätig war und in dieser Funktion deutsche Kriegsgefangene betreute.
Am 4. Juli 2003 wurde am Geburtshaus des Erzabtes, in der Herrenstraße 38, eine Gedenktafel für Dr. Raphael Walzer eingeweiht, auf der sein Lebensweg nachgezeichnet und gewürdigt wird.
Text: M. Spohr
Literatur: Andreas Schmauder, Den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Ravensburg, in: Andreas Schmauder, Franz Schwarzbauer, Paul-Otto Schmidt-Michel (Hrsg.), Erinnern und Gedenken. Das Mahnmal Weißenau und die Erinnerungskultur in Ravensburg (Historische Stadt Ravensburg, Bd.5), Konstanz 2007, S.143-158.
Zwangsarbeiter-Gräber - Friedhof Ravensburg, Friedhofsstraße 37
Zwangsarbeiter wurden während des Zweiten Weltkrieges vielfach in der deutschen Wirtschaft eingesetzt. Auch in Ravensburg waren sie in Fabriken, Handwerksbetrieben, aber auch auf Bauernhöfen tätig und somit für die ganze Bevölkerung sichtbar. Insgesamt konnten in Ravensburg ca. 86 Betriebe nachgewiesen werden, die Arbeitskräfte aus den von Deutschland besetzten Gebieten beschäftigten. Die Rekrutierung dieser Arbeitskräfte geschah mit Zwang, ausgeübt mit allen zur Verfügung stehenden Variationen der Gewalt. Ohne diese Arbeitskräfte wäre die deutsche Wirtschaft während des Zweiten Weltkrieges nicht aufrecht zu halten gewesen.
Die teilweise miserablen Zustände in den Lagern der Arbeitskräfte führten vor allem im Winter bei vielen Arbeitern zu teils schweren Erkrankungen. Nicht alle von ihnen überlebten daher den Krieg und die ersten Nachkriegsmonate. Unter den 66 Ausländern, die zwischen 1941 und Ende August 1946 in Ravensburg starben und auf dem Hauptfriedhof in Reihengräbern beerdigt wurden, waren 37 bis 42 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene sowie 14 bis 19 ihrer Kinder. Die Zahl der verstorbenen Russen, Polen, Esten, Litauer und Letten, einschließlich Kinder, beträgt 38, und damit mehr als die Hälfte.
Text: M. Spohr
Literatur: Eitel, Peter, Ravensburg im 19. und 20. Jahrhundert. Politik – Wirtschaft – Bevölkerung – Kirche – Kultur – Alltag, Ostfildern 2004, S.285 ff.
Erlanger-Gedenken-Burachhöhe Hegaustraße 25/27 und Bildungszentrum St. Konrad
Dr. Ludwig Erlanger lebte von 1924 bis November 1939 mit seiner Familie auf dem Burachhof, zwischen Ravensburg und Weingarten gelegen, und betrieb dort ein Mustergut für Obsterzeugung. Er bildete auf dem Hof jüdische Gesellen aus, die nach Palästina auswandern wollten. 1939 musste der Agronom den Burachhof zwangsweise an die Stadt Ravensburg verkaufen und mit seiner Familie nach Palästina auswandern.
Das Bildungszentrum St. Konrad benennt seine Festhalle auf der Burachhöhe nach „Dr. Ludwig und Fanni Erlanger“. Am 22. Januar 1990 beschloss der Ravensburger Gemeinderat, in Gedenken an die aus Ravensburg vertriebenen, deportierten und ermordeten Juden, die Grünanlage im Wohngebiet Burach-Ost in „Ludwig-Erlanger-Anlage“ umzubenennen. In einer Gedenkfeier wurde am 17. März 1990 die Grünanlage umbenannt und eine Bronze-Stele eingeweiht, in Erinnerung an die Verbrechen, denen Erlanger und andere jüdische Bürger Ravensburgs zum Opfer gefallen waren. Der anwesende Sohn, Pinchas Erlanger, versicherte auf der Gedenkfeier, dass er in dieser Ehrung einen Ausdruck der Wiedergutmachung sehe und anerkenne.
Im Zuge der Umbenennung der Burachhöhe beschloss der Gemeinderat, die Straßenschilder „Grüner-Turm-Straße“ mit dem Zusatz „ehemalige Judenstraße“ zu versehen. 1992 wurden an den Gebäuden Grüner-Turm-Straße 4 und am Eckhaus zur Oberen-Breiten-Straße weitere Gedenktafel angebracht und an die jüdische Geschichte der Stadt Ravensburg erinnert.
Text: M. Spohr
Literatur: Andreas Schmauder, Den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Ravensburg, in: Andreas Schmauder, Franz Schwarzbauer, Paul-Otto Schmidt-Michel (Hrsg.), Erinnern und Gedenken. Das Mahnmal Weißenau und die Erinnerungskultur in Ravensburg (Historische Stadt Ravensburg, Bd.5), Konstanz 2007, S.143-158.
Zwangssterilisation - Heilig-Geist-Spital, Bachstraße 57
Am 1. Januar 1934 trat im nationalsozialistischen Deutschland das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. Unter formaljuristischer Legitimation war es daraufhin möglich, Menschen mit diagnostizierten „Krankheiten“ wie Schwachsinn, Schizophrenie, Epilepsie, Erbliche Taubheit, Gemütsleiden und anderen Erkrankungen der Zwangssterilisation zu unterziehen.
Im Städtischen Krankenhaus Ravensburg, dem heutigen Heilig- Geist-Spital, wurden seit April 1934 Zwangssterilisationen vorgenommen. Bis März 1938 sind 389 Sterilisationen im Spital nachgewiesen. Von den sterilisierten Patienten stammten 106 aus der Heilanstalt Weißenau, 83 Personen aus dem Gertrudisheim Rosenharz und 13 Menschen aus der Taubstummenanstalt Wilhelmsdorf. Aus den Anstalten wurden vorwiegend Schizophrene und „Schwachsinnige“ in das städtische Krankenhaus überwiesen. Für den Eingriff, der oftmals mit Komplikationen verbunden war, mussten die Frauen durchschnittlich 14,7 und die Männer 9,6 Tage im Spital verbringen. Die jüngsten Opfer waren ein 13 Jahre altes Mädchen und ein 12 jähriger Junge. Die Durchführung der Sterilisationen nahm ein solches Ausmaß an, dass sie 1936 der häufigste chirurgische Eingriff im Städtischen Krankenhaus war.
Text: M. Spohr
Literatur: Markus Christian Bitschi, Das Heilig-Geist-Spital zu Ravensburg – vom Armenhospital zum Krankenhaus- (1845 – 1945), Norderstedt 2006.