Biberach
Jüdische Mitbürger in Biberach |
Das "Lager Lindele" ein Kriegsgefangen- und Interniertenlager | Der "Russenfriedhof" an der Memminger Straße

Jüdische Mitbürger in Biberach
In Biberach lebten 1933 zwei jüdische Familien. Bernhard Bergmann (1879-1959) betrieb ein Bekleidungsgeschäft am Marktplatz 33 und Max Michaelis (1878-1955) den Kronenladen in der Kronenstraße 15. Seit April 1933 wurden diese jüdischen Geschäfte durch die SA boykottiert. Infolgedessen blieb der Umsatz im Bekleidungsgeschäft Bergmann 1934 und 1935 trotz des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs auf dem niedrigen Stand der Wirtschaftskrise. 1936 verkauften die Bergmanns ihr Haus und gingen nach Stuttgart. 1939 wanderten sie nach Kapstadt in Südafrika aus. Die deutschen Behörden stimmten der Auswanderung nur unter ruinösen Auflagen zu (sog. Dego-Abgabe). In Kapstadt lebten Bernhard und Berta Bergmann verarmt ohne eigenes Einkommen in einem jüdischen Altersheim.
Auch die Familie Michaelis musste Biberach verlassen. 1938 zogen Max und Jenny Michaelis nach Buchau. Hier wurde Max Michaelis am Folgetag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 zusammen mit anderen Buchauer Juden von der SA festgenommen und ins KZ Dachau überführt. Nach vier Wochen kam Michaelis mit den anderen Festgenommenen wieder frei. Am 13. Januar 1939 wanderte das Ehepaar Michaelis nach New York aus. In den USA musste Max Michaelis seinen Lebensunterhalt zunächst durch Aushilfsarbeiten bestreiten. Erst ab 1942 fand er bessere Beschäftigungsmöglichkeiten.
2011 setzten sich die beiden 10. Klassen des Biberacher Bischof- Sproll-Bildungszentrums im Geschichtsunterricht mit dem Nationalsozialismus und der Judenverfolgung auseinander. Im Anschluss regten sie bei der Stadt Biberach ein Gedenken an die ehemaligen jüdischen Mitbürger an. Am 8. Mai 2012 wurden zwei Bronzetafeln am Marktplatz und in der Hindenburgstraße vor den Häusern der Familien Bergmann und Michaelis im Gehsteig verlegt. Zur Finanzierung der Bronzetafeln hatten die Schülerinnen und Schüler 2.743 Euro gesammelt.
Text: F. Brunecker
Literatur: Frank Brunecker (Hg.): Nationalsozialismus in Biberach, Biberach 2012
Das "Lager Lindele" ein Kriegsgefangen- und Interniertenlager
Die im Entstehen befindliche Denkstätte „Lager Lindele“ diente seit Juni 1939 der Wehrmacht als Kaserne. Nach Beginn des Krieges bis September 1942 wurde das Lager nacheinander zur Unterbringung von britischen Offizieren, sowie französischen, sowjetischen und serbischen Kriegsgefangenen verwendet. 26 britischen Offizieren gelang im September 1941 die Flucht durch einen Tunnel. Vier gelangten über die Schweiz nach Hause. Mindestens 146 sowjetische Soldaten starben an Unterernährung. (Siehe: „Russenfriedhof“)
Seit Herbst 1942 bis Kriegsende waren etwa 1.000 Zivilisten von den Kanalinseln Jersey, Guernsey und Sark hier interniert, überwiegend ältere Männer sowie Frauen und Kinder. (Siehe: Wurzacher Schloss) Die Wehrmacht übergab das Lager im Dezember 1942 dem Württembergischen Innenministerium. Schutzpolizei bewachte es. Ein britischer Lagerkapitän und gewählte Barackenälteste leiteten die inneren Lagerverhältnisse. Das Auswärtige Amt hatte die Oberaufsicht. Internationale Hilfsorganisationen versorgten die Insassen. Sechszehn ältere Männer und Frauen sowie drei Kleinkinder überlebten die Internierung nicht. Sie wurden auf den Friedhöfen in Biberach und Ochsenhausen bestattet. Im gleichen Zeitraum kamen 27 Kinder zur Welt.
Gegen Kriegsende wurde das Lager Sammelstation für den Austausch von Häftlingen mit Beziehungen zu Großbritannien und den USA. Im November 1944 kamen 149 nordafrikanische Juden aus dem KZ Bergen-Belsen. Im Januar 1945 folgten 133 deutsch-österreichische Juden aus Holland, die an einem deutsch-amerikanischen Austausch nicht mehr teilnehmen durften. Aus dieser Gruppe verstarben sieben Männer, deren sterbliche Überreste 1945/46 auf den jüdischen Friedhof Laupheim überführt wurden. Französische Truppen befreiten das Lager am 23. April 1945. Seit 2002 erinnert auf dem Stadtfriedhof ein Denkmal an die Toten des Lagers.
Text: Reinhold Adler
Literatur: Adler, Reinhold: „Das war nicht nur Karneval im August“. Das Internierungslager Biberach an der Riß 1942-1945. Geschichte – Hintergründe, Biberacher Studien Bd. 6, Biberach 2002; Moskin. Marietta: „Um ein Haar. Überleben im Dritten Reich“, cbt 30212, 2005
Der "Russenfriedhof" an der Memminger Straße
614 Frauen, Männer und Kinder, als Zwangsarbeiter aus den Staaten der ehemaligen UDSSR nach Oberschwaben verschleppt – darunter auch mindestens 146 sowjetische Kriegsgefangene, im Lager Lindele zumeist an Unterernährung zugrunde gegangen und später umgebettet – liegen hier bestattet. Der „Russenfriedhof“ wurde 1949 von der damaligen französischen Besatzungsmacht angelegt. Nach einem langen Schattendasein wurde der Friedhof durch die Biberacher Gruppe der katholischen Friedensbewegung Pax Christi als Mahnmal zur Versöhnung mit den Ländern Osteuropas neu gestaltet.
Ursprünglich gab es für die Toten lediglich Nummernpflöcke Nr. 1 bis 614. Unter dem Motto „gebt den Namenlosen ihre Namen wieder“ konnten 572 Namen in Archiven der Stadt und der ehemaligen deutschen Wehrmacht ausfindig gemacht werden. Der Künstler Otl Aicher gestaltete die 572 Namenstafeln, die dem Friedhof zusammen mit dem orthodoxen Kreuz sein heutiges würdevolles Aussehen verleihen. Spenden von Bürgern, Zuschüsse von der Stadt Biberach, dem Land Baden-Württemberg und dem Landkreis ermöglichten diese Umgestaltung zu einer würdigen Gedenkstätte. Auf Grund eines Berichts in der sowjetischen Tageszeitung „Iswestja“ v. 22.04.1989 über den Biberacher „Russenfriedhof“ erfuhren Familienangehörige, dass ihre Familienmitglieder in Biberach bestattet sind. Ein Hinterbliebener besuchte darauf hin die Gräber seiner Verwandten in Biberach. Die Zeitung der ehemaligen sowjetischen Streitkräfte berichtete ausführlich vom „Russenfriedhof“ in Biberach.
Text: Berthold Seeger
Literatur: Adler, Reinhold: „Das war nicht nur Karneval im August“. Das Internierungslager Biberach an der Riß 1942-1945. Geschichte – Hintergründe, Biberacher Studien Bd. 6, Biberach 2002; Moskin. Marietta: „Um ein Haar. Überleben im Dritten Reich“, cbt 30212, 2005