Baienfurt
Baienfurter Klangstein | 6 Opfer der Aktion "Gnadentod", Tod des Kriegsgefangenen Michele Pisani | u. a.

Baienfurter Klangstein – Denkmal zum Gedenken an die zehn NS-Opfer in Baienfurt

Im Jahr 2013 informierte Gerhard Schweizer, ein ehemaliger Mitarbeiter der Stiftung Liebenau, Brigitta Wölk, die Vorsitzende der SPD-Fraktion, über drei Baienfurter Opfer der NS-"Euthanasie" aus der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Liebenau. Daraufhin regte Wölk im Gemeinderat an, ein Zeichen des Gedenkens zu setzen. Weitere Untersuchungen von Wölk und Uwe Hertrampf führten zu der Entdeckung von insgesamt zehn NS-Opfern aus Baienfurt. Der Künstler Andreas Knitz, der für seine Arbeiten zur Erinnerungskultur bekannt ist, entwarf daraufhin ein Denkmal, das der Gemeinderat 2017 beschloss – einen Klangstein auf dem Marktplatz.
Statt Stolpersteinen entschied sich der Gemeinderat, eine Bronzeplatte mit den Namen der Opfer in den Boden neben dem Klangstein zu integrieren. Dieser interaktive Klangstein, der die Besucher zum Klingen anregt, soll den Opfern eine symbolische Stimme verleihen und uns daran erinnern, wachsam zu bleiben.

Hier gelangen Sie zu weiteren Informationen zum Klangstein auf den Webseiten der Gemeinde Baienfurt
Text: H. Schuler
6 Opfer der Aktion "Gnadentod", Tod des Kriegsgefangenen Michele Pisani, Marktplatz
Konrad Geng, geb.am 24.11.1911, wohnte in der Schillerstraße 8. Im Kleinkindalter war er an Rachitis erkrankt und deshalb hör- und sprachgeschädigt. Er neigte zu Tobsuchtsanfällen. Mit 17 Jahren arbeitete der „geistesschwache“, aber körperlich starke und arbeitswillige Konrad in der Gemeindekiesgrube. 1934 wurde er zwangssterilisiert, obwohl er keine Erbkrankheit hatte. Vier Mal wurde er in die Heilanstalt Weißenau eingeliefert, das erste Mal am 12.10.1936. Immer wieder holten ihn seine Eltern nach Hause, so z.B. am 2. September 1937 – „gegen ärztlichen Rat“ und „ungeheilt“. Das letzte Mal brachte man ihn am 4.8.1938 nach Weißenau. Am 27. Mai 1940 wurde er im Rahmen der T4-Aktion in einem der berüchtigten grauen Busse zusammen mit 71 anderen Patienten aus Weißenau nach Grafeneck gebracht und dort am selben Tag vergast. Zur Vertuschung der Ermordung wurde ein falsches Todesdatum und eine natürliche Todesursache angegeben. Konrad Geng starb im Alter von 28 Jahren. Die Urne mit den sterblichen Überresten wurde der Gemeinde zur Beisetzung auf dem örtlichen Friedhof zugeschickt. Zusammen mit Konrad Geng wurde der Baienfurter Bauunternehmer Severin Fiderer in Grafeneck umgebracht. Er war 1884 in Baienfurt geboren worden und musste gleich im August 1914 in den 1. Weltkrieg einrücken. Im Oktober 1915 erlitt er einen Bauchschuss. Nach Operation und Genesung zog er wieder in den Krieg. Die Kriegserlebnisse traumatisierten ihn. Er schrieb selber: „…während meines Heimaturlaubes im März 1916 habe ich gespürt, dass etwas mit mir nicht mehr in Ordnung ist … Ich höre Stimmen … und sehe nachts Bilder“. Im April 1916 wurde Fiderer mit der Diagnose einer beginnenden Geisteskrankheit in die Heilanstalt Weißenau aufgenommen. Die Vermerke in seiner Krankenakte wurden mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus immer negativer. Severin Fiderer starb im Alter von 55 Jahren in der Gaskammer in Grafeneck. Seine im Dienst für „Volk und Vaterland“ erlittene psychische Erkrankung wurde zur Ursache für seine Ermordung. Außer Konrad Geng und Severin Fiderer wurden weitere 4 Personen aus Baienfurt in Grafeneck im Rahmen der T4-Aktion im Laufe des Jahres 1940 ermordet. Sie waren Patienten der Heilanstalt Liebenau. Die Schwestern Margarethe und Theresia Thoma hatten in der Schacherstraße 2 gewohnt. Sie wurden 1931 bzw.1935 – beide mit der Diagnose „Schizophrenie“ – in Liebenau aufgenommen. Theresia wurde in Grafeneck am 30.August 1940 im Alter von 37 Jahren, Margarethe am 24.September 1940 im Alter von 52 Jahren vergast. Am selben Tag wie Margarethe Thoma starb auch Rosina Schad, Tochter der Familie Schad, die im Wasserschloss (Papierfabrik 22) wohnte. Sie kam 1927 – auch wegen Schizophrenie – mit 25 Jahren nach Liebenau und starb im Alter von 38 Jahren. Karl Friedrich Nessler kam als jüngster der Baienfurter in Grafeneck um – am 8.11.1940 im Alter von 20 Jahren. Er hatte in der Römerstraße 42 gewohnt und war mit der Diagnose Littlesche Krankheit nach Liebenau gekommen. Insgesamt sind also 6 Baienfurter in Grafeneck ermordet worden – 6 von 10 654 kranken und behinderten Menschen, die in Grafeneck ihr Leben lassen mussten.
Tod des Kriegsgefangenen Michele Pisani
Im Jahr 1944 arbeiteten viele Italiener als Kriegsgefangene in der Eisengießerei Meteor, wo sie nicht gut behandelt wurden. Unter ihnen war auch der 25-jährige Michele Pisani. Er scheint die Arbeit nicht ausgehalten zu haben. Wegen „Auflehnung“ bekam er 14 Tage verschärften Arrest im Baienfurter Ortsarrest – wo sich heute der Fahrradunterstand der Achtalschule befindet. Dort wurde er – laut einer dürren Meldung, vermutlich des wachhabenden Soldaten oder dessen Vorgesetzten – am 19. Mai 1944 um etwa 21 Uhr 55 Minuten erschossen. Zur Begründung heißt es in der Meldung, dass er „bereits in der Nacht vom 18. zum 19. Mai 1944 einen Ausbruchsversuch aus dem Ortsarrest vorbereitet (habe), indem er mehrere Steine aus der Zwischenwand zur Nachbarzelle herausbrach“. Diese wenigen Worte lassen viele Fragen offen, weisen aber darauf hin, dass sich im Ortsarrest damals ein Drama abgespielt haben muss. Die Staatsanwaltschaft genehmigte ohne eine Leichenbesichtigung die Beerdigung. Die Wehrmacht bestattete die Leiche auf dem Friedhof in Baienfurt am 23. Mai 1944 um 5.30 Uhr morgens. Die Baienfurter Bevölkerung sollte davon wohl nichts mitbekommen.
Text: Uwe Hertrampf
Quellen: Krankenakten für Konrad Geng und Severin Fiderer im Bundesarchiv Berlin; Gemeinderatsprotokolle in Baienfurt 1928 – 1929; Gemeindearchiv Baienfurt Büschel 427 Literatur: Josef H. Friedel: gegen das Vergessen. Teil II: Die Euthanasieopfer. Meckenbeuren 2009 Quelle: Gemeindearchiv Baienfurt: Bü 504a
Fidel Müller als Opfer der Aktion "Arbeitsscheu Reich
Standort Baienfurt: Marktplatz
Die Aktion „Arbeitsscheu Reich“ basierte auf einem Erlass des Innenministeriums vom 14. Dezember 1937, durch den die Kriminalpolizei weitgehende Möglichkeiten bekam, auch „Arbeitsscheue“ zu inhaftieren. Der Hintergrund bestand darin, dass die straffe Durchführung des Vierjahresplans den Einsatz aller arbeitsfähigen Kräfte erforderte und ein abschreckender Effekt auf „Arbeitsbummelanten“ erreicht werden sollte.
Fidel Müller, geb. 20.8.1913, wohnhaft in der Schillerstraße, war – nach Urteil des Schularztes 1926 – „in der körperlichen, besonders aber in der geistigen Entwicklung stark zurückgeblieben“ und hatte mit 13 Jahren die Schule als nicht schulfähig verlassen. Von 1926 – 1935 arbeitete er beim Forstamt, ab 1937 verrichtete er als Hilfsarbeiter Gelegenheitsarbeiten. 1938 meldete ihn Bürgermeister Lacher – auf Anfrage des Landrats – als „arbeitsscheu“, weil er trotz körperlicher Voraussetzungen sich nicht bemühe, eine dauerhafte Arbeitsstelle anzunehmen und ständig nach wenigen Tagen eine Arbeitsstelle verlasse. Daraufhin verfügte der Landrat am 11. April 1938 die Einweisung in das Beschäftigungs- und Bewahrungsheim Buttenhausen bei Münsingen für 1 Jahr.
Müller entfernte sich vom 5. bis 8. Juni unerlaubt vom Heim. Sein Unglück war, dass im fernen Berlin Heydrich am 1. Juni eine Verschärfung der Aktion anmahnte. Am ersten Tag dieser sogenannten „Juni-Aktion“, am 13. Juni, wurde Fidel Müller im Heim von der Gestapo verhaftet und in das Amtsgerichtsgefängnis nach Münsingen gebracht. Von dort erfolgte am 27. Juni seine Einweisung in das Konzentrationslager Dachau, wo er in der Kategorie „Arbeitszwang“ geführt wurde. Am 21.März 1939 wurde er in das gefürchtete Konzentrationslager Mauthausen überführt, wo er – als „AZR“-Häftling („Arbeitszwang Reich“) kategorisiert – einen schwarzen Winkel tragen musste. In diesem als Todeslager berüchtigten KZ starb Fidel Müller mit 25 Jahren am 11. April 1939, genau ein Jahr nach dem Erlass des Landrats in Ravensburg – angeblich an Lungenentzündung. Fidel Müllers Leichnam wurde am 17. April im Krematorium in Steyr eingeäschert, seine Urne auf Antrag seiner Geschwister nach Baienfurt geschickt.
Text: Uwe Hertrampf
Quellen: Archiv des Landkreises Ravensburg 3.1.- Bü 286; Gemeindearchiv Baienfurt, Bü 404; Mitteilungen der KZ-Gedenkstätte Dachau und des Archivs der KZ-Gedenkstätte Mauthausen
Elisabeth Herrmann und Sofie Maucher (KZ-Opfer wegen "Rassenschande")
Auf den Bauernhöfen Baienfurts, vor allem in Köpfingen, kamen sich während des Krieges junge Bauerntöchter und junge polnische Zwangsarbeiter bei der gemeinsamen Arbeit und dem gemeinsamen Wohnen auf den Höfen näher. Es kam zu Freundschaften und auch zu intimen Beziehungen. Diese waren streng verboten und hart bestraft, weil sie gegen das Gebot der „Reinhaltung deutschen Bluts“ verstießen.
Eines der Mädchen aus Köpfingen machte aus der Beziehung zu einem jungen Polen kein Geheimnis und berichtete einer Freundin in Weingarten von ihrer Schwangerschaft und von einem Abtreibungsversuch. Die Freundin erzählte das weiter, was zu einer anonymen Anzeige an die Gestapo Friedrichshafen führte. Auf Grund dieser Anzeige wurden im April 1944 zuerst der 23-jährige Pole und bald darauf weitere – durch dessen Aussagen mit dem Vorwurf des Geschlechtsverkehrs mit Köpfinger Mädchen belastete – fünf polnische Zwangsarbeiter aus Baienfurt und Baindt verhaftet. Deren Verhöre führten zur Festnahme von 4 jungen Frauen aus Köpfingen. Drei von ihnen kamen in ein KZ, aus dem zwei – auf Fürsprache der Kreisbauernschaft – bis Ende März 1945 wieder entlassen wurden. Elisabeth Herrmann, die ein uneheliches Kind im Alter von 4 Jahren hatte, kam im Verlauf des Jahres 1944 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, wo sie im Wald arbeiten musste. Dorthin hatte die Gestapo auch Sofie Maucher aus Kickach gebracht, die am 20. April 1944 – ebenfalls wegen des Vorwurfs intimer Beziehungen zu einem polnischen Landarbeiter – verhaftet worden war. Elisabeth Herrmann wurde trotz mehrfacher Eingaben der Kreisbauernschaft nicht freigelassen, genauso wenig wie Sofie Maucher. Die beiden jungen Frauen blieben nach dem Krieg vermisst. Sie sind in Ravensbrück oder dem Neben- und Vernichtungslager Uckermarck umgekommen. Sofie Maucher und Elisabeth Herrmann waren 22 Jahre alt, als sie der wahnsinnigen Rassenideologie der Nationalsozialisten zum Opfer fielen.
Text: Uwe Hertrampf
Quellen: Gemeindearchiv Baienfurt, Bü 537/2; Nachlass der Elisabeth Herrmann