Aulendorf
Der Friedhof | Sophie Scholl - Josef Rieck - Gewissensbildung durch Bücher

Der Friedhof
Mit dem Vorrücken der alliierten Streitkräfte auf deutschem Staatsgebiet setzte unter den NS-Machthabern auch in Oberschwaben eine Fluchtbewegung in Richtung Süden und nach den Alpen zu ein. Diese Absetzbewegungen hatten jedoch für NS-Funktionäre nicht nur den Zweck, sich persönlich in Sicherheit zu bringen. Im Zuge dieser Absetzbewegungen wurden auch die Außenstellen der Konzentrationslager im hiesigen Raum aufgelöst und deren Insassen auf den Marsch in Richtung Süden gesetzt. Beim Durchmarsch einer solchen Kolonne durch Aulendorf am 22. April 1945 kam es zu 6 Todesfällen auf Aulendorfer Gemarkung. Die Häftlinge wurden entweder erschossen oder sie erlagen den Strapazen des Marsches und starben aus Erschöpfung. Zusammen mit zwei weiteren getöteten KZ- Häftlingen, die auf Gemarkung Zollenreute aufgefunden wurden, wurden die sterblichen Überreste der insgesamt 8 ermordeten Personen in einem Sammelgrab auf dem Aulendorfer Friedhof bestattet. Die Toten konnten nicht identifiziert werden, da sie weder persönliche Papiere mit sich führten, noch waren sie im Besitz von Erkennungsmarken. Ihre Zuordnung als KZ-Häftlinge erfolgte anhand ihrer gestreiften Häftlingskleidung. Diese Ereignisse fanden erst nach 6 Jahren Eingang in eine amtliche Protokollierung und zwar in Form einer Meldung über die Beurkundung der Standesamtsfälle in den früheren Konzentrationslagern und ihrer Außenkommandos an das zuständige Landratsamt. Demnach wurden am 22. April 1945 vier der Ermordeten auf Aulendorfer Gemarkung von einer Wehrmachtseinheit auf dem Aulendorfer Friedhof beigesetzt. Am 27 April 1945 – Aulendorf war inzwischen von den Franzosen besetzt – wurden zwei weitere Opfer aufgefunden und bestattet. Für das Jahr 1955 lässt sich die Existenz und die Pflege der Grabstätte für die insgesamt acht in einem Sammelgrab bestatteten Opfer anhand von Abrechnungen an das Landratsamt noch nachweisen. Es werden Grabtafeln aus Holz beschafft und mit Inschriften versehen. Die Lage des Grabes wird in allen Berichten mit „in der Nähe der Kindergräber“ angegeben.
Text: Werner Radlow, Bildquelle: Amtsblatt Bad Waldsee
Archiv Aulendorf, in A1623, Meldung des Bürgermeisters an das Landratsamt vom 2. März 1949 ebd., in A1623, Meldung des Standesamts Aulendorf an das Landratsamt Ravensburg vom 21. Februar 1950
Sophie Scholl – Josef Rieck – Gewissensbildung durch Bücher
Am Samstag, den 25. Oktober 1941, begleitet Sophie Scholl mit ihrem Freund Fritz Hartnagel – er kann während eines Fronturlaubs bei ihr sein – ihre Schwester Inge Scholl nach Aulendorf in einen „sehr erlesenen, kleinen Buchladen“. Barbara Beuys berichtet hierüber in ihrem Sophie Scholl-Buch, S. 304: „Der Maler Wilhelm Geyer, Freund der Familie, hatte Inge Scholl Mitte Oktober auf diese Buchhandlung aufmerksam gemacht, wo `sämtliche Werke Newmans und sonst noch einige rechte Sachen` zu finden seien, wie Inge Scholl verklausuliert an Otl Aicher schrieb. Mit Newman war der englische Kardinal John Henry Newman gemeint. Wer im nationalsozialistischen Deutschland 1941 die Predigtbücher dieses Theologen im Sortiment hatte, führte keine gewöhnliche Buchhandlung.
Das Besondere der Rieckschen Buchhandlung beginnt bei den Besitzern – Josef Rieck, der als angehender Mönch das Kloster Beuron verließ, um Buchhändler zu lernen und seiner Frau Erika, einer Kommunistin aus Berlin. 1938 entschieden sie sich für einen Start im oberschwäbischen Aulendorf, Bahnknotenpunkt mit schnellen Verbindungen in alle Himmelsrichtungen und doch unauffällig in der Provinz gelegen. Sie machten ihren Umsatz als Versandbuchhandlung und mit einem Sortiment, das hochgeistige Literatur versprach, die – darin dem ‚Hochland’ gleich – in Wahrheit gut getarnte geistige Nahrung war, um mit Anstand zu überleben, vielleicht sogar, um aus Büchern Kraft zum Widerstand zu schöpfen. Seit dem 25. Oktober 1941 standen die Scholls als Kunden in der Rieckschen Kartei“.
Text als Zitat aus Barbara Beuys, Sophie Scholl
Literatur: Barbara Beuys, Sophie Scholl, (Hanser Verlag, München 2010); Bald/Knab/Hg., Die Stärkeren im Geiste.