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Überlingen

Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen | Stolpersteine für Hermann und Barbara Levinger Stolperstein für Franz Klauser Stolpersteine für Familie Levi Salemer Abiturienten im Widerstand (Zweigschule Schloss Spetzgart)

Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen | Stolpersteine für Hermann und Barbara Levinger Stolperstein für Franz Klauser Stolpersteine für Familie Levi Salemer Abiturienten im Widerstand (Zweigschule Schloss Spetzgart)

Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen

Überlingen-Goldbach: Obere Bahnhofstraße

Nach der Bombardierung Friedrichshafens am 28. April 1944 sollten die für die Rüstungsindustrie wichtigen Industrieunternehmen Dornier Metallbauten, Luftschiffbau Zeppelin, Maybach Motorenbau und Zahnradfabrik Friedrichshafen „bombensicher“ in den Molassefelsen bei Überlingen-Goldbach verlagert werden. Für diesen Zweck kamen rund 800 Häftlinge aus dem KZ Dachau. Sie schufen von Oktober 1944 bis April 1945 ein rund vier Kilometer langes Stollensystem, das nicht vollendet und damit von den Firmen nicht mehr bezogen werden konnte. Mindestens 180 Häftlinge überlebten Haft und Arbeitsbedingungen nicht. 97 von ihnen sind auf dem KZFriedhof Birnau begraben. Es starben aber auch Häftlinge an den im Überlinger Lager erlittenen Strapazen, kurz nachdem sie in andere Lager abkommandiert worden sind. Man kann daher annehmen, dass die Zahl der Toten 200 übersteigt.

Die Häftlinge errichteten im Herbst 1944 bei Aufkirch, nordwestlich von Überlingen, ein KZ-Außenkommando und arbeiteten in zwei Schichten je zwölf Stunden. Der Aushub wurde auf Loren geladen, mit kleinen Dieselloks nach draußen gefahren und in den See gekippt. Bei der Ausfahrt wurde jede Lore von der SS-Wachmannschaft und scharfen Schäferhunden kontrolliert. Unter Anleitung mussten die Häftlinge sechs tiefe Löcher in die jeweilige Wand bohren, in die der Sprengstoff eingebracht wurde. Die Sprengungen erfolgten gegen Ende jeder Schicht; danach musste von den Häftlingen das lockere Gestein heraus gebrochen und verladen werden. Gearbeitet wurde mit von Druckluft angetriebenem Bohrgerät. Noch bevor die Stollenanlage fertig gestellt wurde, erreichten französische Truppen Ende April 1945 den Bodensee, sodass mit der Produktion von Kriegsgeräten in der Anlage nicht mehr begonnen werden konnte.

Seit Herbst 1996 befindet sich in der Stollenanlage eine Dokumentationsstätte, die vom Verein „Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch e.V.“ in Begehungen erläutert wird.


Text: O. Burger


Literatur: Oswald Burger: Der Stollen, hg. v. Verein Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ



Stolpersteine für Hermann und Barbara Levinger

Überlingen: Bahnhofstraße 4

Hermann Levinger stammte aus einer jüdischen Familie aus Karlsruhe und wurde 1865 geboren. Er konvertierte schon während seines Jurastudiums zum protestantischen Christentum, von 1898 bis 1902 war er als Amtmann beim Bezirksamt in Überlingen angestellt. Zwischen 1902 und 1908 arbeitete Hermann Levinger am Bezirksamt Mannheim. 1902 heiratete er die verwitwete Maria Karolina von Bünau, geborene Staib. Am 26.12.1904 wurde die Tochter Barbara Levinger geboren.

Von 1908 an war Hermann Levinger Amtsvorstand des Bezirksamts in Überlingen. In der Zeit seines Wirkens bis 1930, während der großherzoglichen bzw. Kaiserzeit ebenso wie während der republikanischen Weimarer Zeit, bewirkte er viel Positives in der Stadt Überlingen und im Amtsbezirk bzw. Landkreis, unter anderem war er einer der Mitbegründer der Unteruhldinger Pfahlbauten. Die Familie Levinger lebte im Obergeschoß des Bezirksamts in der Bahnhofstraße, hier wuchs auch Barbara Levinger auf, die in den zwanziger Jahren als Schriftstellerin und Schauspielerin tätig war.

Nach seiner Pensionierung im September 1930 zog Hermann Levinger mit seiner Familie nach Wiesbaden. Dort lebte die Familie zurückgezogen, Maria Levinger starb 1933. Hermann Levinger galt nach den rassistischen Gesetzen des Dritten Reiches als Jude, Barbara Levinger als Halbjüdin. Als den beiden die Deportation bevorstand, nahmen sie sich im Dezember 1944 mit Gift das Leben.

Beide hatten bis an ihr Lebensende engen Kontakt zu Menschen in Überlingen gepflegt, sie hatten auch dafür gesorgt, daß sie, noch vor dem Kriegsende, in Überlingen bestattet wurden, wo auch schon Maria Levinger bestattet worden war. Sie sorgten im Übrigen auch dafür, daß Akten und andere Hinterlassenschaften im Überlinger Stadtarchiv landeten. Überlingen war die Heimat und der Lebensmittelpunkt dieser Familie.


Text: O. Burger


Literatur: O. Burger und H. J. Straub: Die Levingers. Eine Familie in Überlingen. 198 Seiten. Edition Isele Eggingen 2002



Stolperstein für Franz Klauser

Franz Klauser wurde am 11.März 1907 in Seebach im Kreis Bühl in Baden geboren. Dort ging er auch in die Schule. Er wurde Hausdiener in verschiedenen Hotels und Krankenhäusern. Am 8. Mai 1937 begann er seine Arbeit als Hausdiener im spitälischen Krankenhaus in Überlingen. Er hatte auch sein Zimmer im Krankenhaus in der St.Ulrichstr.20.

Franz Klauser war katholisch und sehr religiös. Seine Homosexualität brachte ihn in schwere moralische Konflikte. Am 8.Januar 1942 wurde er „nach der Messe abgefangen und verhaftet“, wie sich seine Nichte erinnert. Es wurde ihm „widernatürliche Unzucht“ mit einem anderen Mann vorgeworfen, die nach dem damals geltenden § 175 des Strafgesetzbuches mit Gefängnis bestraft wurde (der § 175 galt bis 1994). Es muss sich um einen sexuellen Kontakt zu einem erwachsenen Mann gehandelt haben, denn wenn Franz Klauser sich an Abhängigen oder Jugendlichen vergriffen hätte, wäre er nach § 175a zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden. Das Landgericht Konstanz verhängte am 20.März 1942 gegen Franz Klauser eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und drei Monaten, die er im Gefängnis in Mannheim abbüßen musste.

Er wurde aber danach nicht in die Freiheit entlassen, sondern vom Gefängnis am 31.Mai 1944 in das KZ Natzweiler im Elsass überstellt. Von dort kam er mit einem Transport von 250 Häftlingen am 25.September 1944 in das KZ Dachau wo er die Häftlingsnummer „111 522 Homosexuell“ erhielt. Einen Monat später wurde er für nur wenige Tage in das KZ Neuengamme bei Hamburg verlegt. Schon am 1.oder 2. November 1944 kam er in das Außenlager Ladelund. Dort starb er bereits am 6.November als Siebenunddreißigjähriger.

Der SS-Oberscharführer Friedrich Otto Dörge gab dem Standesamt als Todesursache „Pneumonie“ an. Auf einer Gedenktafel auf dem Friedhof Ladelund wird sein Name neben 300 anderen Toten des Lagers Ladelund genannt. An seinem letzten frei gewählten Wohnort Überlingen wird nun auch an ihn erinnert.


Text: O. Burger



Stolpersteine für Familie Levi

Standort Überlingen: Münsterstraße 12

Wilhelm Levi eröffnete 1891 in der Münsterstraße 12 in der besten  Innenstadt-verkaufslage in Überlingen ein Textilgeschäft, er stammte aus  Mühringen bei Horb, seine Frau Hannchen aus Buttenhausen bei Münsingen.  Die Levis wurden angesehene Bürger der Stadt und schon 1909 wurde Levi  in den Bürgerausschuss gewählt. Der erste Sohn Karl Levi fiel als Soldat  im Ersten Weltkrieg vor Verdun, der zweite Sohn Viktor heiratete die  Jüdin Julie Weil aus Stockach, 1924 wurde die Tochter Hannelore und 1926  wurde Margot geboren.

Im Dritten Reich begannen die christlichen Textilhändler den  jüdischen Konkurrenten zu verdrängen. Für seine Kunden gehörte Mut dazu,  bei Levi einzukaufen. Nach der Pogromnacht 1938 wurde Viktor Levi  verhaftet und ins KZ Dachau gebracht, er wurde unter der Bedingung  freigelassen, dass er sein Haus und seinen Laden verkaufte und mit  seiner Familie auswanderte. Die Töchter Hannelore und Margot konnten im  Rahmen des „Kindertransports“ nach England ausreisen.

Die Levis verkauften im Dezember 1938 Grundstück und Haus nicht an  einen Konkurrenten, sondern an den Nachbarn, der dadurch sein Café  vergrößern konnte. Der Bürgermeister Dr. Albert Spreng notierte im  Dezember 1938 stolz in der Stadtchronik: „mit diesen Verkäufen ist der  Überlinger Hausbesitz völlig frei von jüdischem Eigentum geworden“. Das  Warenlager ging an die Konkurrenten, der Verkaufserlös wurde für die  „Judenvermögensabgabe“, die „Reichsfluchtsteuer“, die „Umzugsgutabgabe“  und andere Abgaben aufgebraucht. Am 25. August 1939 verließen Wilhelm,  Viktor und Julie Levi die Stadt Überlingen und Deutschland. In England  trafen sie ihre Enkelinnen bzw. Kinder.

In Louisville, Kentucky in den USA fanden sie eine neue Heimat.  Wilhelm Levi starb dort 1952, sein Sohn Viktor 1977, seine  Schwiegertochter Julie 1971. Nur Hannelore kam noch einmal 1946 nach  Überlingen, mit amerikanischer Uniform. Hannelore starb 2007, ihre  Schwester Margot 2009.


Text: Oswald Burger



Salemer Abiturienten im Widerstand

Standort Überlingen: Zweigschule Schloss Spetzgart

Die Klassenkameraden Erik Blumenfeld (1915-1997), Paul Hinrichsen (1912-1943) und Hans-Ulrich von Oertzen (1912-1944) besuchten die von Marina Ewald 1929 gegründete Salemer Zweigschule Schloss Spetzgart: Erik Blumenfeld von 1930-33, Paul Hinrichsen von 1930-32 und Hans-Ulrich von Oertzen von 1929-1933. Mit der Verhaftung Kurt Hahns in Salem und der Entlassung der denunzierten Schulleiterin Marina Ewalds endete die liberale Ära Spetzgarts 1933.

Als „Mischling ersten Grades“ und „politischer“ Häftling wurde Erik Blumenfeld am 15.1.1943 nach Auschwitz und später nach Buchenwald deportiert, wo er am 13.7.1944 entlassen wurde. In der Bundesrepublik Deutschland war er ein namhafter Außenpolitiker.

Wegen eines abgelaufenen Visums musste Paul Hinrichsen 1937 aus Brasilien nach Deutschland zurückkehren. Von 1939-41 war er ein charismatischer Erzieher im Jüdischen Kinderheim Leipzig, dann Gefangener des landwirtschaftlichen Zwangsarbeitslagers Neuenfelde (1941-43). Nach dessen Auflösung wurde er am 20. April 1943 nach Auschwitz deportiert, wo er am 21. August 1943 in einem der Krematorien von Birkenau ermordet wurde, die sein Klassenkamerad Erik Blumenfeld zuvor mit aufbauen musste.

Hans-Ulrich von Oertzen wurde am 20. April 1943 Major im Generalstab von Henning von Tresckow. An diesem Tag entschied er sich für den Widerstand, in dessen Verlauf er mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg die „Operation Walküre“ ausarbeitete. Als Verbindungsoffizier für den Wehrkreis Berlin beteiligte er sich am 20. Juli 1944 an maßgeblicher Stelle am Umsturz. Im Verlauf seiner Verhaftung tötete er sich am 21. Juli 1944 selbst.

Text: Martin Kölling

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